Bildungs-Neusprech (SM 11.1.2012)
Die deutschen Bildungseinrichtungen werden seit den letzten Jahren von einem Diskurs erfasst, der sich um Begriffe aus der Welt der 'Kompetenzen', 'Standards' und 'Evaluationen' dreht. Wer nicht rechtzeitig von der Sprache der Lernziele auf die der 'Kompetenzen' umschaltet, gerät früher oder später ins Abseits.
Die genannten Begriffe haben vor allem mit den EU-Rahmenvereinbarungen zu Bildungsabschlüssen und Qualifikationsstufen Einzug gehalten. Damit verknüpft ist eine vorrangige Orientierung auf möglichst messbare Ergebnisse des Bildungsprozesses, den sogenannten 'Output', d.h. marktgängige und transnational vergleichbare Lernergebnisse. Die Gefahr dabei ist, dass der 'Input' sowie der Lernprozess, also das Erwerben von Wissen und Fähigkeiten, einschließlich gesellschaftspolitischer und kultureller Inhalte, vernachlässigt werden.
Zugleich wandelt sich der Arbeitsstil in den Bildungseinrichtungen. Ob das Fußvolk zur 'Teambildung' angeregt werden soll, ob die mittlere Führungsebene ihre 'Kommunikationsprozesse' 'optimieren' und 'evaluieren' soll, oder ob der 'Inner Circle' des 'Managements' sich in Fragen der Bewertung von Leistungen von einer bewährten 'Fortbildungsteamerin' 'coachen' lässt – merkwürdigerweise begegnen alle Beteiligten immer wieder denselben Methoden. Diese sind auf den ersten Blick inhaltsleer, weil universell anwendbar; sie scheinen praktisch voraussetzungslos und gegen jede Ideologie und jedes politische Ziel neutral zu sein. Tatsächlich geben sie aber die Macht von Personen an Sachen ab. Neue Schlüsselwörter wie 'Qualitätsmanagement', 'Teambildungsprozess', 'Prozess-Coaching', 'Steuerungsgruppe' und 'Evaluation' sind mittlerweile zu einem Steuerungsmedium für Personalauswahl und Karriere geworden.
Die Sprache der Standards und der Erfolgsmessungen stammt, wie bekannt, aus der amerikanischen Unternehmenskultur. Angesichts absehbarer Erschöpfung materieller Quellen hat sich hier die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Arbeitskraft bzw. das Personal den einzig verbleibenden Spielraum zur Produktivitätssteigerung bietet. Die Formierung der Arbeitskraft in all ihren Dimensionen, die Manipulation von Haltungen und Einstellungen, die Entfesselung von Ressourcen des Personals ('Humankapital') treibt seit zwei Jahrzehnten die Personal- und Managerschulungen der Konzerne.
Ob die von den 'Global Players' entwickelten Verfahren und Begriffe allerdings zur Schule passen, ist kaum öffentlich diskutiert worden. Und überhaupt muss sich erst erweisen, ob der neue Diskurs nicht nur ein paar Menschen zur Karriere verholfen hat, sondern ob die Menschheit insgesamt mit 'Kompetenz', 'Standardisierung' und 'Evaluation' weiterkommt.
Anmerkung: Die Argumentation dieses Beitrags folgt dem Artikel von Elfferding über "bildungstheoretischen Neusprech" (Quelle s.u.), ergänzt durch einige Aspekte der EU-Politik.
Quellen:
Ballauf/Dehnbostel: Es geht um Einfluss, Macht und Herrschaft – in Erziehung und Wissenschaft 9/2010, S. 34
Elfferding: Nach oben offene Bepunktungsskala - in Freitag v. 6.1.11, S. 11 [http://www.freitag.de/positionen/1101-nach-oben-offene-bepunktungsskala]
Odenwald: Schwankendes Fundament – in Erziehung und Wissenschaft 9/2010, S. 32f.