Investition in Kinder (SM 23.11.2011)
"Wenn wir nicht schlauer in Kinder investieren, verschleudern wir ein Vermögen" – so heißt es in einem Artikel*), der für stärkere Unterstützung der Vorschulerziehung plädiert. Dieses Thema ist gerade in der gegenwärtigen Diskussion um Ausweitung der Kitas brisant. Anknüpfend an ein pädagogisches Experiment (Perry Preschool) in den USA wird nachgewiesen, dass frühzeitige Förderung von Kindern vorrangig in sozialen Problemgebieten positive Wirkung zeitigt. Dieses Anliegen leuchtet beim flüchtigen Lesen des Artikels sofort ein.
Wie wird nun der Sinn dieses Experiments näher begründet? Worin soll dessen positive Wirkung bestehen? Aus amerikanischer Sicht wird zunächst zitiert, dass dieses Experiment "lohnender sei als jede andere Sozialpolitik", "hilfreich für die Kinder und extrem lohnend für Staat und Gesellschaft", dass "die Gesellschaft für jeden Dollar, der dort investiert wurde, bis zu 16 Dollar gespart hat, weil die Kinder später besser in der Schule abschneiden, bessere Jobs finden und seltener im Gefängnis landen" (Hervorhebungen S.M.). Unverkennbar ist hier der bildungsökonomische Ansatz, der die Bildungsdiskussion in den USA prägt – schlicht ausgedrückt: Bildung muss sich rechnen, und zwar für den Einzelnen (erfolgreicher Bildungsabschluss), die Wirtschaft (qualifizierte Arbeitskräfte) und die Gesellschaft (weniger Kriminalität).
Im Artikel geht es allerdings um Anregungen für die Bildungsdebatte in Deutschland. Dazu werden zusammenfassend folgende Argumente gebracht: "Kinder aus den schwierigsten Familien brauchen die beste Unterstützung"; wer für diese "exzellente Kindergärten schafft, macht sich verdient um die ganze Gesellschaft": "es dient dem sozialen Frieden" (weniger Kinder landen später im Gefängnis); "es dient dem Budget des Staates" (weniger Anwärter auf Trainingsmaßnahmen für Arbeitslose); "es dient der wirtschaftlichen Prosperität" (Nachschub von qualifizierten Arbeitskräften), und "es dient der politischen Stabilität der Republik" (weniger frustrierte, kriminelle Jugendliche).
Diese Argumentation wirkt schlüssig, weil sie konkrete und täglich zu erlebende Probleme anspricht. Und sie ist ohne Zweifel zugkräftig für politische Entscheidungsträger. Doch zugleich vermittelt sie – mit wiederkehrenden, einprägsamen Begriffen - ein Kosten-Nutzen-Denken, das kritisch zu hinterfragen ist: Lohnt sich Erziehung nur, wenn sie dem "sozialen Frieden", der "wirtschaftliche Prosperität" und "der politischen Stabilität" dient? Und sind Kinder vor allem eine "Investition" bzw. ein "Vermögen", das es nicht zu "verschleudern" gilt? Wird das Denken in solche neoliberalen Bahnen gelenkt, geht leicht der Sinn für Kindererziehung als Menschenrecht, Lebens- und Arbeitschance und gesellschaftliches Gut verloren.
*) Berth: Doppelter Ertrag – in Freitag v. 15.9.11, S. 6 (Wochenthema: "Geld oder Leben – Wenn wir nicht schlauer in Kinder investieren, verschleudern wir ein Vermögen")
Anmerkung: In dem obigen Beitrag sind Erkenntnisse aus der Diskussion des Berth-Artikels im Lesekreis der Sprach-AG (am 21.11.11 im Berliner Attac-Treff) enthalten.