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Finanzmärkte (SM 10.6.11)

Öffnet internen Link im aktuellen FensterWirtschaftspolitik

Spätestens seit der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise sind 'Finanzmärkte' ein Schlüsselwort in der öffentlichen Diskussion. Die gängige Definition, z.B. in Wikipedia, erscheint klar umrissen: "Finanzmarkt ist ein Oberbegriff für alle Märkte, auf denen ein Handel mit Kapital stattfindet." Vielschichtiger sind die Zusammenhänge, wenn man die 'Finanzmärkte' als einen Kernbereich der neoliberalen → Globalisierung begreift: Sie beeinflussen maßgeblich die Politik und wirken auf immer mehr Bereiche der Gesellschaft ein — vor allem über Verschuldung und Akkumulation von Reichtum.

Problematisch wird die Bezeichnung 'Finanzmärkte' allerdings, wenn sie als Hüllwort dient. Die "Welt" z.B. betitelt eine Nachricht zu den EU-Rettungsaktionen für Griechenland wie folgt: "Finanzmärkte bestrafen die Euro-Flickschusterei", und führt im Nachsatz etwas weiter aus: "Europas Dissonanzen verunsichern Investoren. Der Euro fällt zum Schweizer Franken und zum Gold auf historische Tiefstände. Anleger fliehen in 'sichere Häfen'."

Wie in diesem Beispiel tauchen insbesondere in den gegenwärtigen Diskussionen um Auswege aus der Finanz- und Wirtschaftskrise die 'Finanzmärkte' häufig als handelndes Subjekt auf. Was aber in der Wirtschaftspresse "ehrfürchtig als 'die Finanzmärkte' fetischisiert" wird (Altvater 2011), sind in Wirklichkeit die ungenannten Akteure: insbesondere die privaten Banken und speziell die einflussstarken Rating-Agenturen.

In einer Kritik an den Euro-Rettungspaketen (Krätke 2011) wurde dieser Zusammenhang enthüllt: "Die gesamte EU beugt sich dem Diktat einer winzigen Gruppe von Finanzmarkt-Akteuren, an deren Integrität und Kompetenz Zweifel erlaubt sind. Einer Gruppe, die nach dem jüngsten Bericht einer Enquête-Kommission des US-Kongresses bei den Hauptschuldigen am Finanzmarktdesaster der vergangenen Jahre einsortiert werden sollte."

Mit dem Hüllwort 'Finanzmärkte' ist es möglich, jegliche Frage nach Akteuren und deren Verantwortung auszublenden – das Handeln der 'Finanzmärkte' erscheint unantastbar. Dieser Effekt ergibt sich nicht allein aus dem hohen Verallgemeinerungsgrad des Begriffes. Ein wesentlicher Hintergrund ist die neoliberale Vorstellung von der zentralen Rolle des Marktes für das Funktionieren von Wirtschaft und Gesellschaft. 'Finanzmärkte' erscheinen aus dieser Sicht allmächtig.

Für die globalisierungkritischen Diskussion ist es daher hilfreich, so konkret wie möglich die jeweils Handelnden in der Finanz- und Wirtschaftspolitik zu benennen.

Quellen:

  • Altvater: Aufstocker und Überflieger – in Freitag v. 27.1.11 [http://www.freitag.de/politik/1104-aufstocker-und-berflieger]
  • Attac Deutschland: AG Finanzmarkt und Steuern [http://www.attac-netzwerk.de/ag-finanzmarkt-steuern/]
  • Attac Berlin: AG Finanzmärkte [http://attacberlin.de/ags/agfinanz/)
  • Eckert/ Zschäpitz: Finanzmärkte bestrafen die Euro-Flickschusterei – in Die Welt 23.05.2011 [http://www.welt.de/finanzen/article13389543/Finanzmaerkte-bestrafen-die-Euro-Flickschusterei.html]
  • Finanzmarkt – in Wikipedia [http://de.wikipedia.org/wiki/Finanzm%C3%A4rkte]
  • Krätke: Das Euro-Plus-Paket – in Freitag v. 31.3.11 [http://www.freitag.de/politik/1113-das-euro-plus-paket]