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Globalisierung (OZ 22.3.2011)

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Der Begriff 'Globalisierung'(1) eignet sich aus zwei Gründen sehr gut als Chiffre für den Begriff 'Kapitalismus': Zunächst lenkt er zielsicher von dieser in Europa seit Karl Marx und dort bis 1990 auch sehr deutlich diskreditierten Wirtschaftsform ab und hält damit deren Vertretern den Rücken frei für ihre Politik der immer weiteren Verschärfung der sozialen Desintegration in jedem einzelnen Land, aber auch auf dem gesamten Planeten. Zweitens wird dadurch der eigentlich wertneutrale Begriff 'Globalisierung' dämonisiert und kann das auf den Kapitalismus gerichtete Wutpotential von Milliarden Menschen von diesem ab- und auf die Globalisierung hinlenken.

Während 'Kommunismus' spätestens seit 1848 bei denen, die ihn zu Recht fürchten mussten und bei denen, denen man eingeredet hatte, dass dies so sei, ein Schrecken verbreitender Begriff war, war die Bewertung des Begriffs 'Kapitalismus' seitdem nicht so eindeutig. Während in den USA zu keiner Zeit nennenswerte Bedenken gegen die Verwendung dieses Begriffs bestanden, wurde die Sache nach der Katastrophe, in die er Europa mit Hilfe des Faschismus geführt hatte, differenzierter gesehen.

So standen nach 1945 nicht nur Sozialisten und Sozialdemokraten dem Kapitalismus ablehnend gegenüber, sondern die Ablehnung reichte auch weit in bürgerliche Kreise hinein (Ahlener Programm der CDU von 1947). Und tatsächlich stellt die 'Soziale Marktwirtschaft' in der BRD ein deutlich wahrnehmbares Zugeständnis der kapitalistischen Klasse dar, dessen Kompromiss-Charakter wir erst seit den 1990er Jahren im Nachhinein so deutlich wahrnehmen können. Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, dass die damaligen Meinungsführer den Begriff auf 'ihre' 'Soziale Marktwirtschaft' nicht so gerne angewendet sehen wollten.

Als jedoch in den 1980er Jahren in der Folge des Vordringens der neoliberalen Ideologie und ihrer Auswirkungen die menschenfeindlichen Züge des Kapitalismus wieder deutlicher hervortraten, wurde die Möglichkeit der Verwendung des Begriffs 'Globalisierung' für die tatsächlich in diese Richtung hin deutlich veränderte Lage dankbar aufgegriffen. Nun konnte diese Globalisierung als etwas dargestellt werden, was in seiner immer deutlicher zu Tage tretender Form zwar deutlich negative Auswirkungen auf das Leben der Menschen auch im bis dahin beschaulichen Westeuropa hatte, aber andererseits auch die Vorteile weltweiten Handels und Reisens gerade für Westeuropäer aufwies.

Für den sich nach 1990 weltweit brutal durchsetzenden Kapitalismus gibt es viele Beispiele. Nachdem zollfreier Warenhandel auf drei Vierteln der Planetenoberfläche schon seit Jahrzehnten immer weiter ausgedehnt worden war, durchdrang nun der auch dank elektronischer Medien sich immer weiter beschleunigende Kapitalverkehr alle Länder der Welt. Finanzströme werden nach wie vor nicht kontrolliert, nur die weltweite Freizügigkeit von Menschen wird nach wie vor rigide unterbunden. Die weltweit miteinander verbundenen elektronischen Medien ermöglichen zwar auch eine Vernetzung oppositioneller Kräfte, deren Wirkung wird jedoch durch ebenfalls weltweit agierende Medienkonzerne (z.B. Murdoch) in engen Grenzen gehalten.

Seit sich mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 2008 der Zusammenhang zwischen der gegenwärtigen Form der Globalisierung und dem Kapitalismus immer weniger leugnen lässt, und es sich für die führenden Köpfe des kapitalistischen Systems eine Zeitlang als unumgänglich erwies, sich geradezu Asche aufs Haupt zu streuen, ist der Widerstand gegen die Verwendung des Begriffs 'Kapitalismus' wahrnehmbar geschwunden. Da die Globalisierung insbesondere im Zusammenhang mit der weltweiten technologischen Verflechtung als etwas Unaufhaltsames, Alternativloses dargestellt werden kann, bietet sich auch heute noch der Begriff 'Globalisierung' als Hüllwort für 'Kapitalismus' weiterhin an.

Auch wird das von rückwärtsgewandten 'nationalen Kräften' geschickt angewandte Muster bedient, alle Übel der Welt auf einen Außenraum mit einer 'fremden' Bevölkerung zu projizieren und damit einen Innenraum mit einer 'eigenen' Bevölkerung zu glorifizieren, von der auch sich dort befindliche Protagonisten des Kapitalismus nicht ausgeschlossen werden. So sind die 'Bösen' eben nicht mehr die Kapitalisten, sondern die Angehörigen anderer Hautfarbe oder Religion, wenn nicht gar in nationalistischer Manier alle, die nicht der 'eigenen' Nation angehören.

Kritiker der kapitalistischen Globalisierung, also Kapitalismus-Gegner wurden zunächst als 'Globalisierungs-Gegner' diffamiert, um ihnen den kosmopolitischen Impetus abzusprechen. Um mit der Kritik an ihnen aber nicht allzu unglaubwürdig zu werden, wurde diese Unterstellung der totalen Gegnerschaft zur Globalisierung zurückgezogen, um sie nunmehr lediglich als 'Globalisierungskritiker' zu bezeichnen. Wenn der Begriff 'Globalisierung' auf dessen kapitalistische Inhalte reduziert würde, würde der Begriff 'Globalisierungskritiker' den damit gemeinten Menschen nicht gerecht, weil diese sich nicht nur auf eine akademisch-theoretische Kritik der kapitalistischen Globalisierung beschränken und beschränken wollen.

Andererseits wird der Begriff 'Globalisierungskritiker' den damit gemeinten Menschen erst recht nicht gerecht, wenn die Beschränkung des Begriffs 'Globalisierung' auf die kapitalistische aufgegeben wird. Weil ein kapitalistisches Weltsystem, das den Planeten seit nunmehr zwei Jahrzehnten vollständig umspannt, ihn total, oder – um einen Begriff aus der bürgerlichen Ideologie zu gebrauchen – totalitär beherrscht, nur auf der globalen Ebene erfolgreich bekämpft werden kann, müssen die Gegner der kapitalistischen Globalisierung mindestens ebenso global ausgerichtet sein wie diejenigen, die sie bekämpfen.

(1) Auszug aus dem Wikipedia-Artikel zur "Globalisierung" [http://de.wikipedia.org/wiki/Globalisierung]:

"Die Globalisierung ist der Vorgang der zunehmenden weltweiten Verflechtung in allen Bereichen (Wirtschaft, Politik, Kultur, Umwelt, Kommunikation etc.). Diese Verdichtung der globalen Beziehungen geschieht auf der Ebene von Individuen, Gesellschaften, Institutionen und Staaten. Als wesentliche Ursachen der Globalisierung gelten der technische Fortschritt, insbesondere in den Kommunikations- und Transporttechniken, sowie die politischen Entscheidungen zur Liberalisierung des Welthandels."