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Selbstoptimierung (SM+OZ 26.11.2012)

Arbeitsmarktreform

Während die Verlierer auf dem Arbeitskräftemarkt zu "Leistungsempfängern" (Hartz IV) degradiert werden, wird von den Gewinnern, speziell den in Unternehmen tätigen Fach- und Führungskräften, 'Leistung aus Leidenschaft' erwartet. Mit raffinierten Methoden ('innovativen Managementtechniken') werden die Mitarbeiter motiviert, Höchstleistungen zu vollbringen. Nicht allein die qualitativ gute und zuverlässig verrichtete Arbeit zählt, sondern der unternehmerische Ertrag, der mit dieser Arbeit erzielt wird. An die Stelle von Leistungs- und Arbeitszeitkontrollen treten Kennziffern, 'Benchmarks' und Quartalszahlen, die zu erreichen sind.

Nur wenn der Mitarbeiter 'unternehmerisch' denkt und handelt, kann er diesen Anforderungen nachkommen. (Ein Leibeigener im Feudalismus musste nicht so denken wie sein Herr, da waren die Gedanken noch frei!) Er ist Manager des Projekts und seiner Selbst – in einem andauernden Prozess der 'Selbstoptimierung': indem er ständig das Bestmögliche (für seinen Arbeit-'geber'!) aus sich herausholt. Was zuvor äußere Zwänge im Arbeitsleben waren, wird zunehmend verinnerlicht – im Sinne der Selbststeuerung und Eigenverantwortung. Der Mitarbeiter wird nicht mehr von befehlenden Chefs beaufsichtigt, sondern von sanft gängelnden Coaches (Beratern und Trainern) 'begleitet'. Seine unendliche Flexibilität und Anpassungsbereitschaft zeigt sich im Willen zum ständigen Wandel ('Change'), zum Wechsel des Ortes, zum wiederholten Neubeginn, zum unaufhörlichen 'lebenslangen' Lernen. Die Flut der Ratgeberliteratur ist ein Indiz für diese nie beendbare Arbeit am Selbst.

Die 'Selbstoptimierung' ist ein beliebtes Schlagwort der genannten Ratgeber. Es geht auf eine bereits 1927 erschienene "methodische Anleitung zur Selbstverwirklichung" (von Gustav Grossmann) zurück. Ihr folgten zahlreiche Theorien vom effizienteren Umgang mit sich selbst, die heute eine eigene Branche innerhalb der Management-Schulung bilden. Tatsächlich stammt die zugrundeliegende Idee aus den Vereinigten Staaten. Deren Schlüsselwort ist allerdings 'self-improvement' (wörtlich: 'Selbstverbesserung'), was sich immerhin auf den Menschen beziehen lässt. Der Begriff 'Selbstoptimierung' hingegen ist aus technischen Prozessen, der Steuerung von mechanischen Systemen, abgeleitet. Maschinen können jederzeit und überall optimiert bzw. in sich selbst optimierende Systeme einbezogen werden. Diese Eigenschaft aber auf den Menschen zu übertragen, widerspricht zutiefst seinem Wesen und entfremdet ihn von sich selbst.

Die neue Rolle des Menschen im Arbeitsprozess hat durchaus auch ihren Reiz. Die Stechuhr gehört bereits in vielen Arbeitsbereichen der Vergangenheit an. Statt sich auf feste Arbeitszeiten zu verständigen, trifft man häufig 'Zielvereinbarungen'. Wann die Arbeit erledigt wird und in welchem Zeitraum (Termine allerdings gibt es noch!), ist dem Chef häufig egal. Auch der Ort der Arbeit, speziell in der digitalen Arbeitswelt, wird zunehmend beliebig. Beschäftigte haben entsprechend mehr Gestaltungsfreiheit und Eigenverantwortung. Mancherorts kommt es gar zu einem Wettbewerb um die meisten unbezahlten Überstunden. Nicht Gehorsam ist gefragt, sondern 'Kreativität'. Gerade junge, gebildete Menschen der 'Generation Praktika' sehen Ihre Chance in kreativer Entfaltung und sind bereit, dafür Leistungsdruck und Entbehrungen bis hin zum vorübergehenden Lohnverzicht auf sich zu nehmen.

Doch der Grat zwischen 'Selbstverwirklichung' und 'Selbstausbeutung' ist schmal, und der Übergang von der allseitigen Flexibilität zur Selbstentfremdung und schließlich Selbstaufgabe fließend. Auch führt dieser gesteigerte Individualismus zu menschlicher Isolation und Entsolidarisierung Entsolidarisierung mit den übrigen im gleichen Berufsfeld Tätigen. 'Hochleistungsmitarbeiter' sind zunehmend von Erschöpfung und Depression bedroht, oft verdrängt und verborgen, doch am steigenden Krankenstand klar erkennbar. Auch in dieser Lage scheint 'Selbstoptimierung' angesagt: mit intensivem Training (vom Psychiater betreut) das eigene Selbst schnell wieder fit und einsatzbereit zu machen.

Quellen:

  • Baureithel: Innerlich gekündigt – in Der Freitag v. 14.6.2012 (http://www.freitag.de/autoren/ulrike-baureithel/innerlich-gekundigt)
  • Coen/ Fischermann: Bespaßt und gequält – in Die Zeit v. 25.10.2012
  • Gronwald/ Schneyink: Wie uns die Arbeit verführt – in Stern 35/2012
  • Sauer: Leistung, die Leiden schafft – in Berliner Zeitung v. 8.8.2012
  • Steinfeld: Pionier der Selbstoptimierung – in Süddeutsche Zeitung Magazin, Heft 02/2012
  • Väth: Coaching - Maßlose Selbstoptimierung oder sinnvolle Lebenshilfe? 5.08.2012 (http://mensch-chance.de/blog/coaching-maslose-selbstoptimierung-oder-sinnvolle-lebenshilfe)
  • Welzer: Aus Fremdzwang wird Selbstzwang – in Blätter für deutsche und international Politik 12/2011


Anmerkung: In dem obigen Beitrag sind Erkenntnisse aus der Diskussion im Lesekreis der Sprach-AG (am 17.09.12 und 19.11.12 im Berliner Attac-Treff) enthalten.